ÖPNV-Roadmap-Plus schlägt neue Linien durch Poll vor

Die Verkehrs-Initiative Bündnis Verkehrswende Köln hat das Konzept „ÖPNV-Roadmap-Plus“ veröffentlicht und der Presse vorgestellt. [Anmerkung: ÖPNV = öffentlicher Personennahverkehr]

Es soll die ÖPNV-Roadmap der Stadt Köln ergänzen, die auch als „ÖPNV-Netzentwicklung“ bezeichnet wird. Die ÖPNV-Roadmap dient dazu, die gewünschten Erweiterungen des Liniennetzes aufzulisten und darzustellen und den Rat zu informieren, bevor sie nach Ratsbeschluss beim Bedarfsplan des Landes NRW angemeldet werden.

Unterschiede zur Roadmap der Stadt:

  • Das Bündnis Verkehrswende Köln fordert, auf die kostspieligen U-Bahn-Projekte zu verzichten (Ost-West-Achse ca. 2,5 km Tunnel, Barbarossaplatz ca. 1,5 km Tunnel, Klettenberg–Mülheim mit Untertunnelung Alt-Polls ca. 14 km Tunnel, Kosten gesamt mindestens 6 Mrd. EUR).
  • Durch den Verzicht auf die „Langzüge“ (Züge mit 90 Metern Länge auf der Linie 1 und mit 70 Metern Länge auf den Linien 4, 13 und 18) können weitere Millionenbeträge eingespart werden (Entfall des Bahnsteigausbaus). Der Betriebsablauf bleibt mit einer einheitlichen Zuglänge (60 Meter) einfacher (Betriebshöfe, Werkstätten, Wendeanlagen, Flexibilität bei Störungen). Statt Langzüge setzt das Bündnis Verkehrswende Köln auf Taktverdichtungen auf allen Linien.
  • Die Kapazitätserhöhung auf der Ost-West-Achse wird allein durch einen Umbau der Haltestellen Neumarkt und Heumarkt erreicht. Durch vier statt zwei Bahnsteigkanten pro Fahrtrichtung können Taktverdichtungen auf den Linien 1 und 7 erreicht werden (Linie 9 fährt schon 5-Minuten-Takt in der Spitzenzeit). Statt auf den großen Wurf zu warten (U-Bahn) könnte sofort mit dem Umbau begonnen werden und die regelmäßigen Straßenbahnstaus könnten beseitigt werden.
  • Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist eine autoarme Innenstadt. Der Durchgangsverkehr soll nicht mehr vom Rudolfplatz zur Deutzer Brücke durchfahren können damit die Stadtbahnen besser durchkommen.
  • Durch die eingesparten Gelder und Planungskapazitäten werden völlig neue oberirdische Stadtbahnprojekte möglich, die genau wie U-Bahn-Projekte ebenfalls förderfähig sind. Beispielsweise werden neue Rheinbrücken möglich, die nur dem Umweltverbund dienen (Stadtbahn, Radverkehr, Fußverkehr), sogenannte „Umweltbrücken“. Diese Brücken sind durch den Verzicht auf den Autoverkehr sehr schlank und Kosten nur einen Bruchteil der U-Bahn-Kosten. Das Konzept des Bündnis Verkehrswende Köln sieht vier neue Umweltbrücken (plus Nutzung der Zoobrücke für die KVB) in Köln vor. Damit kann die Ost-West-Achse deutlich entlastet werden und der U-Bahn-Tunnel in der City wird endgültig überflüssig.
  • Die neuen Linien ermöglichen einen netzförmigen Ausbau des KVB-Stadtbahnnetzes, dadurch brauchen die Fahrgäste nicht immer durch die Innenstadt und bekommen Bewegungsmöglichkeiten, die mit den Möglichkeiten eines PKW konkurrieren können.
  • Die Innere Kanalstraße und deren Fortsetzung Richtung Universität, Zollstock, Parkstadt Süd, Deutzer Hafen, Fachhochschule Deutz, Zoobrücke werden als einzige Stelle in Köln identifiziert, an denen ein geschlossener oberirdischer Stadtbahnring in Köln möglich wäre. Durch das Konzept einer Ringbahn an dieser Stelle wird das Mammut-Projekt der Stadt ersetzt, einen gigantischen Tunnel zwischen Klettenberg und Mülheim mit Untertunnelung von Alt-Poll zu bauen. Die Linie 13 wird bei diesem Konzept oberirdisch von Klettenberg über den Gürtel bis zum Rhein verlängert und quert im Süden nicht den Rhein.
  • Das Konzept ermöglicht schließlich durch die Einsparungen auch den schnelleren Ausbau von Verlängerungen bestehender Linien und Neubau neuer Linien in fast alle Kölner Vororte.

Poll und der Deutzer Hafen spielen bei einem netzförmigen Ausbau des Stadtbahnnetzes eine besondere Rolle. Bei einem Blick auf das Kölner Liniennetz fällt auf, dass vor allem im Südwesten Vernetzungen fehlen. Die Linie 7 kreuzt von Zündorf kommend zum ersten Mal bei der Severinsbrücke (mit 8 Minuten Fußweg beim Umsteigen) und der Deutzer Brücke (mit 3 Minuten Fußweg) andere Stadtbahnen. Eine Rheinquerung des ÖPNV gibt es südlich der Severinsbrücke bisher (Stand 2022) nicht.

Es ist also folgerichtig, dass das Konzept „ÖPNV-Roadmap-Plus“ vor allem im Raum Poll einige Verbesserungen vorsieht, die auch teilweise als Vorschläge auf der Webseite von Verkehr Poll+ genannt wurden.

Im Einzelnen sind das:

  • Verlängerung der Linie 15 vom Ubierring durch eine Umweltbrücke über den Rhein und den Deutzer Hafen nach Poll (ähnlich Vorschlag VO-05).
  • Weiterführung der Linie 15 bis Porz als Taktverdichtung (ähnlich Vorschlag VO-06), hier entsteht eine Taktverdichtung durch Vernetzung.
  • Nutzung der Hafenbahntrasse als zusätzliche, störungsfreie Stadtbahntrasse durch Poll (ähnlich Vorschlag VO-01 aber ohne Wegfall der Trasse über die Siegburger Straße).
  • Eine weitere KVB-Rheinbrücke in Höhe der Schönhauser Straße ermöglicht eine Ringlinie (Arbeitstitel „Linie 14“) und eine Linie Richtung Vingst über die Hafenbahntrasse.
  • Die Ringlinie soll Richtung Fachhochschule Deutz und Zoobrücke weitergeführt werden, diese Verbindung ist bisher nur sehr umständlich zu fahren.
  • Direktverbindungen von Poll aus werden durch Ringlinie und Hafenbahntrasse möglich in die südlichen Stadtteile (Bayenthal, Zollstock, Sülz, Universität), in die östlichen Stadtteile (Vingst, Höhenberg) und nach Norden (Fachhochschule, Zoobrücke, Nippes).
  • Die geplante Stadtbahn Flittard–Stammheim–Wiener Platz–Mülheim-Süd–Deutz soll nicht als Hochflur-Stadtbahn in den Innenstadt-Tunnel geleitet werden (das ist der Wunsch der KVB) sondern als Niederflur-Stadtbahn oberirdisch über den Deutzer Bahnhof zur Siegburger Straße (Arbeitstitel „Linie 8“). Ab Deuter Freiheit könnte sie den Takt der Linie 7 verstärken. Es entsteht endlich eine durchgehende Nord-Süd-Stadtbahn auf der rechten Rheinseite.
  • Durch die vielen neuen Zulaufstrecken in den Raum Poll sind auch Taktverdichtungen auf der Trasse der Linie 7 möglich bevor die Ost-West-Achse ausgebaut wird.
  • Umsteigebahnhöfe zwischen KVB und S-Bahn sollen rechtzeitig geplant und vorab gebaut werden, auch die künftige Station Köln-Poll am Deutzer Hafen (ähnlich Vorschlag VO-04)
  • Ein neuer Bahnhof für S-Bahn und Regionalbahn soll in Köln-Vingst entstehen. Vom neuen S-Bahnhof Köln-Poll aus könnte dort von der künftigen S 16 auf die S 12 umgestiegen werden und die Stationen Airport Business Park, Steinstraße und Porz (Rhein) könnten von Poll aus erreicht werden (ahnlich VO-03).
  • Die Linie 7 soll nicht nur bis Porz-Langel-Süd (Umsteigemöglichkeit zur geplanten Linie 17 nach Niederkassel) verlängert werden, sondern noch eine Station weiter über die geplante Rheinbrücke fahren. Bei einer Endstation in Godorf oder in Sürth-Süd (neue geplante Haltestelle) könnte direkt in die Linie 16 umgestiegen werden. Von Poll aus könnten dann mit nur einem Umsteigevorgang alle südlichen Stationen der Linie 16 schnell erreicht werden (Stadtbezirk Köln-Rodenkirchen, Wesseling, Bornheimer Rheindörfer, Bonn). Es müssten nur zwei Stationen mit Hochflur- und Niederflur-Mittelbahnsteigen ausgebaut werden (z.B. Langel-Süd und Sürth-Süd).
  • Auch ein Abzweig von Porz Markt nach Wahn ist vorgesehen, so dass von Poll aus der S-Bahnhof Porz-Wahn direkt erreichbar wird.
  • Eine Taktverdichtung der Linie 7 wäre darüber hinaus durch den Umbau der Haltestellen Heumarkt und Neumarkt mit zwei Bahnsteigkanten pro Fahrtrichtung möglich.

Für Köln-Poll könnten mit der Verwirklichung der in diesem Konzept vorgesehenen neuen Linien möglicherweise die Belastungen kompensiert werden, die sich aus dem Bau der neuen Wohngebiete ergeben (Deutzer Hafen, Poller Damm, Zündorf).

Das Konzept bedeutet für Köln eine Abkehr von der bisherigen Strategie, bestehende Straßenbahnlinien unter die Erde zu legen um oben Platz für Autos oder bestenfalls für eine vermeintlich bessere Stadtgestaltung zu bekommen. Es bedeutet eine Abkehr vom Master-Plan, der vor allem die Innenstadt und die Ost-West-Achse im Blick hatte. Es bedeutet eine Abkehr vom sternförmigen KVB-Netz, das Umsteigen fast nur in der Innenstadt ermöglichte, hin zu einer Vernetzung, die dem ÖPNV-Fahrgast mehr Bewegungsmöglichkeiten bietet. Der Abschied vom U-Bahn-Bau schont das Klima, das Konzept ist damit zeitgemäß. Interessant ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung (03.11.2022) der ÖPNV-Roadmap-Plus:

  1. einen Tag nach dem Beschluss der Bundesregierung zum 49-Euro-Ticket;
  2. mitten in einer multiplen Krise bei der die Stadt gerade eine Liste von Großprojekten erstellt hat, die eingespart werden könnten;
  3. kurz nach der internen Bekanntgabe der ersten Planungen für die oberirdische Variante der Ost-West-Achse im poltitschen Begleitgremium.

Zu 1.

Das 49-Euro-Ticket wird kommen. Es bedeutet einen Preisvorteil von mehreren hundert EUR pro Jahr für alle regelmäßigen Fahrgäste, aber vor allem für in der Stadt arbeitende Bewohner aus dem „Speckgürtel“ (reiches Umland), wie man der Preisübersicht der KVB entnehmen kann. Der Vorteil wird größer, je weiter weg von der Stadt gewohnt wird. Wir werden uns mit den Folgen befassen müssen:

  • Wird das 49-Euro-Ticket eine Stadtflucht zur Folge haben (billigeres naturnahes Wohnen und relativ geringe Fahrtkosten auf dem Lande)?
  • Wird die Einwohnerzahl der Großstädte zurückgehen?
  • Werden in den Großstädten gute Verkehsverbindungen wichtiger als Wohnungsbau?
  • Wie wird die soziale Zusammensetzung der Großstädte aussehen?
  • Wie kann die höhere Nachfrage nach besseren ÖPNV-Verbindungen schnell befriedigt werden?
  • Wie muss das Liniennetz ausgebaut werden, wenn Stadt- und Tarifgrenzen keine Rolle mehr spielen?

Die ÖPNV-Roadmap-Plus hat eindeutig ein paar dazu passende Vorschläge.

Zu 2.

Auf der Liste der Großprojekte gibt es viele Projekte, die nicht gestrichen werden dürfen (z.B. Schulbau). Der U-Bahn-Tunnel auf der Ost-West-Achse, im Dokument bei zwei verschiedenen Ämtern als Nr. 11 und Nr. 28 geführt, ist der größte Posten, der wirklich eingespart werden kann. Beide Posten zusammen werden zur Zeit (2022) mit 920,1 Mio. EUR beziffert.

Zu 3.

Das politische Begleitgremium zum Stadtbahnausbau auf der Ost-West-Achse tagte am 28.10.2022. Thema waren die Planungen zur oberirdischen Variante im Bereich der Innenstadt. Die Stadt Köln informiert die Öffentlichkeit ohne genaue Pläne abzubilden. In der Presseveranstaltung des Bündnis Verkehrswende Köln ist bekannt geworden, dass die Abbildungen der Pläne nur zur Ansicht vorgelegt wurden. Veröffentlicht werden sollen sie erst, wenn auch die Planungen zum U-Bahn-Tunnel im Bereich Innenstadt abgeschlossen sind (Mai 2023). Dann sollen die Pläne zur oberirdischen und unterirdischen Variante miteinander verglichen werden. Bekannt geworden ist immerhin, dass auch die Stadt Köln, genau wie das Bündnis Verkehrswende Köln, vier Bahnsteigkanten an zwei Mittelbahnsteigen für die Haltestelle Neumarkt plant. Allerdings plant die Stadt, diese mitten auf den Platz zu setzen während das Bündnis Verkehswende auch die Cäcilienstraße nutzen will und dadurch eine größere Platzfläche erhält.

Die ÖPNV-Roadmap-Plus bringt damit die Diskussion um eine oberirdische Lösung auf der Ost-West-Achse in die Öffentlichkeit, auch wenn die Stadt diese Diskussion zur Zeit noch vermeiden will. Das Konzept zeigt zum richtigen Zeitpunkt auf, was bei einem Verzicht auf die unverhältnismäßig teuren U-Bahn-Tunnel an Netzerweiterungen möglich ist.

Anekdote am Rande:

Die Internet-Zeitung report-K hat am 26.09.2022 berichtet, dass die dem Verkehrsausschuss vorgelegten Liniennetzpläne zur ÖPNV-Roadmap fehlerhaft waren und nach der Berichterstattung von der Stadt korrigiert wurden (deswegen tragen sie den Zusatz „neu“). Die Verwirrung bei den Stadtplanern scheint groß zu sein. Vor allem die Möglichkeiten der Rheinquerung und was im Rechtsrheinischen genau jenseits des Rheines liegt scheint den Stadtplanern nicht geläufig zu sein.

Links zur ÖPNV-Roadmap-Plus mit erläuternden Grafiken:

Webseite

Broschüre (PDF)